Arbeitslosigkeit
„Sieben Arbeitslosenversammlungen waren zu heute mittag nach den größten Sälen in den einzelnen Berliner Stadtvierteln einberufen worden. Der Andrang war sehr stark, mehrere Säle mußten schon eine Stunde vor der festgesetzten Zeit polizeilich gesperrt werden. Referenten waren Gewerkschaftsführer. Sie schätzten die Zahl der in Berlin vorhandenen Arbeitslosen auf mindestens 50 000. Darunter befänden sich ungezählte Arbeiter die seit 17 bis 20 Wochen hätten feiern müssen. Hierzu kämen noch Tausende von Arbeiter; die seit Wochen sogenannte Feierschichten in den Kauf nehmen müßten. Als Hauptursache der Kalamität wurde die heutige Wirtschaftspolitik bezeichnet.“
„Unterm 27. Juli hat Prinzregent Ludwig an den Minister des Innern folgendes Schreiben gerichtet: Mit lebhaftem Bedauern habe ich Ihrem Bericht entnommen, daß die mir von verschiedenen Seiten zugegangenen Mitteilungen über die herrschende Arbeitslosigkeit leider zutreffend sind. Ich habe aus dem Bericht aber auch mit Befriedigung ersehen, daß bereits Anordnungen zur Schaffung von Arbeitsgelegenheit getroffen sind und daß sonstige Maßnahmen, darunter die viel erörterte Frage der Arbeitslosenversicherung, in den Kreis der Erwägungen gezogen wurden. Durchdrungen von der Wichtigkeit der Sache und von dem Wunsche nach tunlichster Abhilfe beauftrage ich Sie, der Arbeitslosenfürsorge auch ferner volle Aufmerksamkeit zuzuwenden, alle geeigneten Maßnahmen im Benehmen mit den übrigen beteiligten Staatsministerien einzuleiten und mir von Zeit zu Zeit weiteren Bericht zu erstatten.“
Diese beiden Zeitungsnotizen dürften für die gegenwärtige Situation bezeichnend sein. Aber: Die Arbeitslosigkeit ist eine rein kaufmännische Angelegenheit. Sie ist der Beweis, daß es für unsere Kaufmannschaft rechnerisch unmöglich ist, die Produkte unserer Arbeiter ohne Verlust auszutauschen. Woher diese Verluste, warum fürchtet der Kaufmann, daß er die Waren, die er für 100 kauft, nicht mit gewohntem Gewinn wird verkaufen können? Wie kommt es, daß die Marktverhältnisse dem Kaufmann lange Jahre den regelmäßigen Gewinn beim Verkauf der Waren versprechen, dann mit einem Mal nicht mehr? Wer sich mit dem Problem der Arbeitslosigkeit befaßt und auf diese Frage nicht Antworten kann, der wird nur Unsinn zu Tage fördern. Um den Arbeitslosen wieder sofort in ihren eigenen Gewerben Arbeit zu verschaffen, braucht man nur die für die Erhebung des Mehrwertes (G. W. G’.) nötigen Marktverhältnisse wieder herzustellen. Wir müssen, wenn wir vor der physiokratischen Geldreform zurückschrecken, und beim jetzigen Geldsystem bleiben wollen, dafür sorgen, daß die nun schon seit 20 Jahren mit kurzen Unterbrechungen anhaltende Hochkonjunktur, d. i. also die allgemeine Aufwärtsbewegung der Preise fortgesetzt wird. Seit zwanzig Jahren, seit Entdeckung der Goldfelder in Afrika leben wir in einer ständig sich verschärfenden, sogen. Teuerung. Niemals aber hat sich die Volkswirtschaft so frei entwickeln können, wie in dieser Zeit. Warum? Weil eben die sogen. Teuerung, die Aufwärtsbewegung aller Preise die Marktverhältnisse schafft, die für die Erhebung des kaufmännischen Profites, den Mehrwert, nötig sind. So lange die Preise aufwärts streben, kann das Geld nach der für seine Zirkulation durchaus nötigen Formel G. W. G’. umlaufen, kann der Kaufmann damit rechnen, daß er die für 100 erstandenen Waren, zu einem höheren Preis wird verkaufen können. So lange aber der Kaufmann die Waren absetzen kann, gibt es keine Arbeitslosigkeit. Diese ist doch immer nur der Ausdruck für die Tatsache, daß es dem Kaufmann rechnerisch unmöglich ist, die Produkte der Arbeiter zu dem von ihnen geforderten Preis abzusetzen. Wir müssen also die allgemeine Preistreiberei, die von allen Kreisen der Bevölkerung verfluchte sogen. Teuerung fortsetzen, wenn wir das Geld in Umlauf erhalten, den Absatz der Waren ermöglichen, den Arbeitern Erwerbsmöglichkeiten bieten wollen. Wer an der Goldwährung festhält, und vor dieser logischen Schlußfolgerung zurückschreckt, dabei aber vorgibt, die Arbeitslosigkeit bekämpfen zu wollen, der ist ein Narr oder ein Schwindler. Wie können wir nun, ohne die Goldwährung aufzugeben, erreichen, daß die jetzt in eine ausgesprochene Baisse umgekippte Hochkonjunktur wieder mit frischem Mut den seit 20 Jahren eingeschlagenen Weg der Teuerung fortsetzt? Die Worte Hochkonjunktur, allgemeine Preistreiberei, Teuerung, Hausse, sind gleichbedeutende Ausdrücke für die Tatsache, daß das Geld im Preise fällt, also einen Entwertungsprozeß durchmacht. Man muß für dieselben Waren immer mehr Geld geben. Das ist zweifellos ein Preisrückgang des Geldes. Wer nach ergiebigen Wertzuwachssteuern strebt, der braucht das Geld nur zu entwerten! Den für die Wiedereinsetzung der Hochkonjunktur nötigen Preisrückgang des Geldes (Entwertung des Geldes) können wir aber jederzeit in dem für die heutigen Bedürfnisse nötigen Umfang erzielen, und zwar: 1. durch Vermehrung der Geldproduktion, 2 durch Beschleunigung des Geldumlaufes, 3. durch Erleichterung des Gebrauches von Geldsurrogaten (Checks, Wechsel, Kredit). Die Geldproduktion läßt sich auf vielerlei Art vermehren, ohne daß es nötig ist, zur verpönten Papierwährung zu greifen. Man kann die Goldproduktion durch staatliche Subventionen unterstützen. In der Eifel liegen in feiner Verteilung ungeheure Massen Gold. Mit einem Staatszuschuß von X % der Produktionskosten wird der Bergbau dort lohnend. Man schicke also alle Arbeitslosen nach der Eifel und lasse sie dort Gold waschen. Mit einer Subvention von 100 Millionen könnte man schon eine ansehnliche Menge Gold fördern. Dann wird durch die Juwelenindustrie dem Geldmarkt viel Gold entzogen. Man besteuere das Tragen goldener Schmuckstücke und subventioniere dafür das Tragen anderer Juwelen. Wenn es gelänge, 20, 30, 50% allen goldenen Gerätes durch genannte Juwelensteuer in den Schmelztiegel zu führen und für Münzzwecke bereit zu stellen, so würde dadurch der Hochkonjunktur wieder ordentlich Nahrung verschafft. Vor 100 Jahren opferten die Frauen ihren goldenen Schmuck für die Bekämpfung Napoleons. Heute sollen sie ihn opfern zur Förderung der Teuerung, die uns allein, so lange wir an der Goldwährung festhalten, von der drohenden Arbeitslosigkeit retten kann. Gold verkaufte ich für Eisen, das sei der allgemeine Schlachtruf wider die Arbeitslosigkeit. Die Geldproduktion kann man auch dadurch vermehren, daß man den Münzfuß (den Goldgehalt der Münzen) heruntersetzt. Man bestimme, daß, so lange die Arbeitslosigkeit anhält, der Münzfuß jährlich um X % herabgesetzt werde. Dem Volke im allgemeinen ist ja der Goldgehalt der Münzen ganz einerlei, und zwar so einerlei, daß unter 1000 deutschen Bürgern sicherlich kaum 10 das ungefähre Quantum Gold kennen, das sie heute für eine Mark zu fordern haben. Für unsere Reichsbank aber wäre es eine bedeutende Erleichterung, wenn sie für ihre Banknoten 5 oder 10% weniger Gold bereit zu halten brauchte. Beim System der Dritteldeckung könnte die Reichsbank eine 10% Herabsetzung des Münzfußes mit einer 30% Vermehrung ihres Notenumlaufes beantworten. Und das wäre doch schon recht hübsche Nahrung für die zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit so notwendige Teuerung. Den Geldbestand kann man weiter dadurch vermehren, daß man andere Völker davon abzuhalten sucht, die Goldwährung einzuführen. Augenblicklich z B. die große Chinesische Republik. Man subventioniere also die Verbreitung der Papierwährungstheorie im Ausland. Man veranstalte auf Staatskosten eine Riesenausgabe der Neuen Lehre vom Geld und Zins [Physiokratischer Verlag Berlin-Lichterfelde.] und verteile sie außerhalb Deutschlands. Man lasse dieses Werk in alle Sprachen der Welt übersetzen. Man kaufe dem Verfasser die Autorenrechte für ein Butterbrot ab. Zehn, fünfzig, hundert Millionen Mark, die man diesem Butterbrot opfern würde, spielen keine Rolle, wenn es sich darum handelt, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Denke man, die Chinesen, Japaner, Amerikaner, Franzosen, Engländer, würden durch die „Neue Lehre vom Geld und Zins“ veranlaßt, die physiokratische Papierwährung einzuführen und ließen nun die Goldmünzen einschmelzen und die Goldbarren in Deutschland verkaufen. (Ähnlich wie s. Zt. Deutschland die eingeschmolzenen Silbermünzen in London verkaufte). Welch gewaltige Massen Gold kämen dann ins Land, welche kühne Sprünge nach oben würden die Preise und Kurse machen! Ja, man könnte in solchem Falle sogar den Münzfuß ganz bedeutend erhöhen, die Größe und das Gewicht des 20 Markstückes verdoppeln. Man könnte alle Banknoten, das Silbergeld, einziehen und den Geldumlauf ganz auf Gold stellen und trotzdem die für den Umlauf unseres Geldes, für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit so nötige Teuerung immer weiter treiben. Also Förderung, bzw. Subventionierung der Goldproduktion, Einschränkung, bezw. Besteuerung jeder nicht monetären Verwendung des Goldes, Förderung der Papierwährungstheorie im Ausland, das wären die hauptsächlichsten Mittel, die uns zur Verfügung stehen, um den Geldumlauf zu vermehren, um neue Nahrung der Teuerung zu geben, die uns allein vor der Arbeitslosigkeit retten kann. [s. Aktive Währungspolitik. Physiokratischer Verlag, Berlin-Lichterfelde.]
Schwerer schon wäre es, neue Einrichtungen zur Beschleunigung der Geldzirkulation zu erfinden. Denn hier hat das Privatinteresse der Banken von jeher den Erfindungsgeist schon derart angeregt, daß kaum noch etwas Neues getan werden kann. Der Bankbetrieb ist vollkommen. Wie haben doch die Sparbanken es so bequem gemacht! Vielleicht könnten Sparautomaten (wenn es die nicht schon gibt) noch eine letzte Lücke ausfüllen. Dann müßte man, so lange die Arbeitslosigkeit anhält, die Lotterien abschaffen, damit das in diesen Unternehmungen beschäftigte Geld wieder auf den Markt für den Handel gebracht wird. Auch wäre es nicht ohne Nutzen, wenn man alle Quartalszahlungen, (Mieten, Steuern und dergl.) in monatliche Zahlungen, die monatlichen Zahlungen (Beamtengehälter) in Wochenzahlungen umwandelte. Im allgemeinen aber läßt sich in dieser Beziehung für die Förderung der Teuerung nicht viel mehr tun. Die Einrichtungen für einen flotten Geldumlauf sind alle vorhanden. Man braucht sie nur in Benutzung zu nehmen. Ähnlich verhält es sich auch mit den Geldsurrogaten. Auch hier hat das Privatinteresse die kühnsten Kombinationen schon längst zur Tat werden lassen. Nur so weit der Staat die Sache fördern kann, läßt sich überhaupt noch ein Vorschlag machen. Und dieser Vorschlag beschränkt sich auf den Rat: Laissez faire, laissez aller. Man schaffe die Wechselsteuer und den Checkstempel ab. Diese Steuern und Stempel sind der weiteren Ausnutzung der Wechsel und Schecks hinderlich, sie beschränken demnach die Menge der Geldsurrogate, sie stehen der von allen deutschen Volkswirten verfluchten Teuerung im Wege, sie nehmen den Waren den Absatz, den Arbeitern das Brot. Des weiteren ziehe man alle Silbermünzen ein und ersetze sie durch kleine Banknoten von 1 und 5 Mark. Diese Silbermünzen stehen dem bequemen Gebrauch von Reichsbanknoten im Wege. Papiergeld und Metallgeld können niemals zusammen bequem im Portemonnaie untergebracht werden. Man schenke auf Reichskosten jedem Bürger ein praktisches Portefeuille zum Beherbergen des Papiergeldes. Dann wird der Widerwille gegen Papiergeld schwinden und der Reichsbankpräsident wird ohne Mühe das gesamte in Umlauf befindliche Gold in seinen Kellern aufspeichern und durch Banknoten ersetzen können. So lange aber die schwerfälligen, barbarischen Silbermünzen von der Reichsbank immer wieder abgestoßen werden, wird es ihr nie gelingen, größere Mengen Banknoten unterzubringen. Wer ein Portemonnaie für Silbergeld haben muß, wird immer die Goldmünze den Banknoten vorziehen. Das wären also ungefähr die Vorschläge, die wir machen können zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit unter Aufrechterhaltung der Gold währung. Sie schmecken allesamt ganz bedenklich nach Kurpfuscherei. Aber man bedenke, was es heißt, die Arbeitslosigkeit bekämpfen und zugleich ihre wahre Ursache, nämlich die Goldwährung, aufrechterhalten zu wollen. Wenn wir einen überarbeiteten, ausgemergelten, kranken Proletarier heilen sollen, seine Lebensführung aber nicht ändern dürfen, so wird alles, was wir für den Kranken tun, auch nur Kurpfuscherei sein. Similia similibus. Und weil es Kurpfuscherei ist, wollen wir nicht unerwähnt lassen, daß besondere Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen sind, damit Rückschläge vermieden werden. Die Goldwährung ist internationaler Natur. Jede nationale Behandlung der Goldwährung, die auf die Warenpreise wirken soll, führt darum zu Änderungen in der Zahlungsbilanz, die ihrerseits wieder bald genug die Wirkung unserer Bemühungen aufheben würden. Man berufe also eine Internationale Währungskonferenz und schlage allen an der Goldwährungsplage leidenden Völkern die gleiche oben beschriebene Währungspolitik vor – damit die Teuerung, die wir bewußt erstreben, zum Heile der Hungrigen, der Arbeitslosen, eine internationale Bewegung bleibe. Alles, was man sonst gegen die Arbeitslosigkeit zu tun beabsichtigt, führt zur Verschuldung des Staates und ist in der Regel kontraproduzent. Es verschärft die Arbeitslosigkeit. Benutzen wir, um nur ein Beispiel zu nennen, das Geld, das der Staat den Bürgern abgenommen hat (anderes Geld hat ja der Staat nie), um die arbeitslosen Bauhandwerker in der Errichtung von Mietshäusern zu beschäftigen, so werden die privaten Bauunternehmer gleich von einer „Baupest“ reden, die ihnen die Möglichkeit nimmt für eigene Rechnung weiterzuarbeiten. Denn die vom Staate ohne Rücksicht auf die Rentabilität errichteten Häuser werden die Mieten herunterdrükken und den Zinsertrag dieser Häuser unter den Zins des verbauten Geldkapitals drücken. Und wie soll unter derartigen Umständen noch Jemand die Bauhandwerker beschäftigen? Zugleich wird ja auch das Geld, das der Staat durch Steuern oder Anleihen für die Beschäftigung der Arbeitslosen erhebt, den privaten Unternehmern fortgenommen. Der Staat stopft also nur Löcher, indem er neue gräbt. Die physiokratische Geldreform kann allein hier wieder die natürliche Ordnung herstellen. Sie allein vermag den Waren unter allen Umständen Absatz zu verschaffen. Und das ist alles, was nötig ist, um das Heer der Arbeitslosen aufzulösen.
Hat diese Aussage Gesells heute noch unverändert Gültigkeit?