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Archive für 26.2.2009
Worin besteht die kapitalistische Ausbeutung?
26.2.2009 von MM.
Auf diese Frage wurde in einer Arbeiterzeitung wie folgt geantwortet: “Der Kapitalist holt sich den Arbeiter vom Markt und gibt ihm als Lohn den notdürftigen Lebensunterhalt. Das, was der Arbeiter darüber hinaus schafft, gehört dem Unternehmer als Mehrwert oder Profit. Aus diesem Profit besteht die kapitalistische Ausbeutung.”
Diese Erklärung der Ausbeutung stimmt nicht mehr ganz mit den modernen Tatsachen überein. Zur Zeit, als Marx sein „Kapital“ schrieb und es noch so gut wie keine Arbeiterorganisationen gab, da mochte es wohl auf dem Arbeitsmarkt allgemein so zugegangen sein, wie es Seume in dem Gedicht „Der Kanadier“ so schön beschrieb. Aber wo ist der Arbeiter, der heute noch ohne „schlaue Rednerkünste, so wie man ihm bietet“, sein Arbeitsprodukt für ein Geringes hingibt, und der einfach als Lohn annimmt, was ihm geboten wird? Der Lohnvertrag hat heute genau denselben Charakter, den der Kuh- und Roßhandel haben. Jeder nimmt, so viel er kann. Der Bauer bürstet das Pferd, ehe er es zu Markte bringt, und der Unternehmer sucht seine Profitfalle äußerlich durch Anstrich so anziehend wie möglich zu gestalten, um die Arbeiter anzulocken, damit das so verstärkte Angebot von Arbeitern einen Lohndruck ausübt. Auch der Arbeiter selbst sucht sich von der besten Seite zu zeigen. Kurz, um den Lohn wird gemarktet. Bei diesem Markten kommt dem Unternehmer niemals die Frage in den Sinn, ob der Lohn für des Lebens Notdurft genügt – eher schon denkt er dabei an sich selbst, ob bei dem vom Arbeiter geforderten Lohn sein Profit für seine Lebensansprüche groß genug bleiben wird. Auf alle Fälle denkt beim Lohnvertrag jede der beiden Parteien ausschließlich an sich selbst. Die untere Grenze des Lohnes, die oft weit unter der Notdurft des Lebens steht (wie viele Arbeiter-Geschlechter sind so im Elend schon zugrunde gegangen!) wird von keinerlei moralischen Faktoren, sondern von den Marktverhältnissen autokratisch gezogen. Die Obere Grenze des Lohnes dagegen, die sich oft weit von ersterer entfernt, wird ausschließlich von der Rentabilität des Unternehmens gezogen. Sobald der Arbeiter Lohnforderungen stellt, die die historisch normale Rentabilität des Unternehmens – etwa 4–5% des Kapitals –in Frage stellt – so unterbleibt das Unternehmen, d. h. dann streikt der Kapitalist.
Über diesen historisch normalen Satz von 5% kann sich aber die Profitrate dauernd nicht erhalten – den jede Überschreitung desselben lockt die Konkurrenz, lockt Kapital heran, nötigenfalls aus allen vier Himmelsrichtungen und Erdteilen. Wenn in der Schweiz 15–20 Milliarden Kapital in festverzinslichen Papieren zu 4–5% angelegt wurden (Bundes-, Staats- und Gemeindeanleihen, Hypotheken, Pfandbriefe usw.), so beweist das klar genug, daß „bei den heutigen Löhnen“ in sicheren Unternehmungen nicht mehr als 4–5% herauszuwirtschaften sind. Die Ausbeutung des Arbeiters findet darum auch nur zum geringsten Teil in der Fabrik statt. Dem Arbeiter wäre wenig geholfen, wenn der Unternehmer den Mehrwert mit ihm teilen würde. Wenn z. B. ein Spinner mit einem Kapital von 1 Million 1000 Arbeiter beschäftigt und dabei normalerweise im Jahre 5% Profit (Zins, Mehrwert, Dividende) herauswirtschaftet, so sind das 50.000 Franken oder 50 Franken auf den Arbeiter, also 1 Franken wöchentlich. Wenn das aber die ganze Ausbeutung wäre – wer würde sich dann noch über den Kapitalismus entrüsten? Aber die Ausbeutung des Arbeiters durch den Unternehmer bildet nur einen winzigen Teil der Gesamtausbeutung. Die Ausbeutung verfolgt vielmehr den Arbeiter auch außerhalb der Fabrik auf Schritt und Tritt. Schon allein für die Wohnungsmiete nimmt der Hauswirt, der doch keinen einzigen Arbeiter beschäftigt – dem Arbeiter 20–25–30% des Lohnes wieder ab, also das Zehnfache von dem, was ihm der Unternehmer in der Fabrik abnahm, als Zins für das Hauskapital. Der Preis des Eisenbahnfahrscheines besteht zur Hälfte aus Zinsen für das Eisenbahnkapital, aus Zinsen besteht auch ein bedeutender Teil der Warenpreise.
Der Zins der städtischen Gasanstalten, der Kanalisation, der Theatergebäude, des Schlachthofes, der städtischen, staatlichen, eidgenössischen Schulden – das alles geht – meistens in den Preisen der Waren verrechnet – vom Lohn ab. Wenn diese Drainage nicht wäre, so könnte der Arbeiter mit dem Lohn herrlich und in Freuden leben. Es genüge, hier zu sagen, daß das Kapital der Schweiz auf etwa 40 Milliarden geschätzt wird und daß hiervon – sicherlich keine 10 Prozent den Unternehmern gehören. Der Schweizer Arbeiter mußte jene 40 Milliarden alle 20 Jahre einmal als Zins zahlen (5% gerechnet), und vom diesen 40 Milliarden werden kaum 4 Milliarden auf die Unternehmer fallen. Den Rest nehmen die Rentner, die „stillen Teilhaber“, die sich so wunderfein vor den Augen der Arbeiter – selbst in der sozialistischen Tagespresse – zu verbergen wissen. Der Unternehmer ist meistens nur der Büttel der Rentner, ein Puffer zwischen dem Rentner und dem Arbeiter. Die Frage, die sich mit dieser Darstellung der Ausbeutung aufdrängt, ist die: Woher kommt es, daß der Kapitalist streikt und streiken kann, wenn die Lohnforderung der Arbeiter die historische Minimalprofitrate von 5% nicht mehr gewährleistet? Auf diese Frage vermag heute allein die Freigeld-Kapitaltheorie eine Antwort zugeben.
Acratillo. (Pseudonym für S. Gesell/Die Red.)
Aus Band 10 Seite 195/196
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Über die Geheimloge der Banker
26.2.2009 von MM.
Der Berner Schriftsteller Lukas Hartmann wirft einen Blick von aussen auf ein geschlossenes System.
Lukas Hartmann, geboren 1944, ist freier Schriftsteller und lebt in Bern. Gerade ist bei Diogenes sein Roman «Bis ans Ende der Meere» erschienen.
Warum äussern sich die Intellektuellen nicht zur Finanzkrise? Weil sie befürchten, dass ihre Meinung als inkompetent gilt? Oder weil ökonomische Zusammenhänge jenseits ihres Interessenhorizonts liegen?
Ich habe mich lange selbst nicht getraut, hier mitzureden. Immer wieder strengte ich mich im Lauf der Jahre an, mir das ökonomische Grundwissen anzueignen, und kam, alles in allem, über die Anfängerstufe nicht hinaus. Ich empfand es als Mangel, so wenig von wirtschaftlichen Zusammenhängen zu verstehen. Natürlich las ich die Zeitungen und bekam mit, was für unwahrscheinliche Gewinne am Finanzmarkt gemacht wurden. Manchmal schalt ich mich einen Narren, dass ich nicht selber irgendwelche gewinnversprechenden Derivate erwarb. Aber die Vorsicht überwog; ich verstand einfach zu wenig, worum es da konkret ging und was mit meinem Geld geschehen würde.
Nun aber, seit dem Fast-Kollaps des ganzen Systems, habe ich begriffen, dass auch die Sachverständigen, die den unaufhaltsamen Gewinnzuwachs predigten, letztlich nicht verstanden, was sie taten. Und es wird immer klarer, dass sie noch heute nicht verstehen wollen, was ihr Handeln oder ihr Wegschauen bewirkte. Mir scheint, nicht nur hier – aber auch hier – kann der Blick von aussen erfassen, was Insider ausblenden oder verdrängen, und ich greife darum drei Punkte auf, die nach meiner Meinung in der ganzen Diskussion zu kurz gekommen sind.
1. Das System in Frage stellen
Das geltende Finanzsystem als Ganzes wurde bisher kaum ernsthaft in Frage gestellt. Es geht offensichtlich bloss um seine Reparatur und darum, möglichst rasch wieder möglichst viel Geld verdienen zu können. Ich meine hier keineswegs, dass der Slogan von der «Überwindung des Kapitalismus» aus der marxistischen Mottenkiste hervorgeholt werden soll. Aber es wäre dringend nötig, die Anreize und die Wirkungsweise der heutigen Zinswirtschaft genau zu analysieren und nach Alternativen zu fragen.
Der Zins, von vielen mit der Rendite gleichgesetzt, ist eine der Antriebskräfte im real existierenden Kapitalismus. Es sind die völlig unrealistischen Renditeversprechen, die das Kredit- und Investitionssystem unmässig aufgebläht haben. Wenn Berater und Kunden sich in gemeinsamer Gewinngier verbünden, dann wird offensichtlich der Verstand ausgeschaltet. Nach aller Erfahrung – und einem Blick auf die Wirtschaftsgeschichte – wissen wir, dass ein Renditeziel, das über 5 Prozent hinausgeht, auf längere Sicht hoch riskant ist. Dennoch will bei uns niemand darüber nachdenken, was es zum Beispiel bedeuten würde, hier prozentuale Obergrenzen – oder zumindest Bandbreiten – vorzuschreiben.
Einer der bedeutenden Ökonomen des 20. Jahrhunderts, Silvio Gesell, hat über solche Zusammenhänge gründlich geforscht. Er sah das Geld als Tausch- und nicht als Hortungsmittel, er forderte die Einführung von «Freigeld» und glaubte, dadurch Konjunkturausschläge verhindern zu können. Gesell wurde zu seiner Zeit von links und von rechts verlacht. John Maynard Keynes allerdings, der grosse Theoretiker der Nachfragepolitik, der heute wieder viel zitiert wird, forderte 1944 für das Bretton-Woods-Abkommen, ganz im Sinne Gesells, eine «umlaufgesicherte» internationale Währung. Das Horten, das spekulative Zurückhalten von Geld sollte mit einer Nutzungsgebühr belegt werden, der Zins bis auf null sinken.
So würde «neutrales» Geld entstehen; und weil dadurch der Geldbesitz nicht mehr im gleichen Mass belohnt würde, hätte dies positive Auswirkungen auf den Geldumlauf. Diese «Umlaufsicherung» würde den ungerechten Vorteil des Geldes gegenüber verderblichen Sachgütern und dem Gut der Arbeitskraft vermindern. Keynes nannte seine Weltwährung «Bancor»; er fand dafür keine Mehrheit. Im Licht der neusten Entwicklungen wäre es an der Zeit, wieder ernsthaft über seine Vorschläge zu diskutieren.
2. Die Psychologie der Banker
Zu wenig nachgedacht wurde bis heute auch über die kollektiven Denk- und Verhaltensweisen der Investmentbanker. Zwar brachte der «Spiegel» eine Titelgeschichte über ihre Schamlosigkeit; er begnügte sich aber damit, Beispiele individueller Masslosigkeit aufzuzählen und damit die allgemeine Empörung zu schüren, und er versäumte es, die sozialpsychologischen Gründe dafür zu durchleuchten. Ich fände es erhellend, die obersten Schichten der Bankenwelt mit Geheimlogen zu vergleichen, die untereinander in komplizierten Codes kommunizieren und gegen aussen das, worum es ihnen wirklich geht, systematisch vertuschen und abstreiten.
Ein solches Verhalten führt, sobald es genügend verinnerlicht ist, früher oder später zu einer Art Autismus, der bewirkt, dass die Aussenwelt nur noch verzerrt oder gar nicht mehr wahrgenommen wird. Was Logenbrüder für richtig halten, wie sie leben, was sie für sich anhäufen, wird zum alleinigen Massstab. Was tut jemand mit zehn, zwanzig, vierzig Millionen Franken, die er pro Jahr erhält? Diese Frage stellt sich gar nicht, solange solche Einkünfte, innerhalb des geschlossenen Zirkels, als normal gelten.
Um die Logenbrüder (auf den Führungsetagen fehlen die Frauen völlig) mit der Realität zu konfrontieren, gibt es nur ein Mittel: Transparenz. Sie müssen, ganz ohne Floskeln und Verschwommenheiten, den «Normalbürgern» erklären, was sie tun und wie sie es tun, sie müssen deutsch und deutlich erklären, wohin das Geld fliesst, das ihnen anvertraut wird, sie müssen nachweisen, woher ihr Lohn kommt und wie sie ihn begründen.
3. Verständlichkeit fordern
Das ist ja, drittens, mein eigenes Bedürfnis: Ich will verstehen, ich fordere Verständlichkeit auf jeder Ebene; und das sollte auch die Politik tun, wenn die Banker nicht fähig sind, ihre Sprache – und damit ihr Verhalten – zu ändern. Verstehen setzt voraus, dass Wörter und Sätze wirklich meinen, was sie bedeuten; Verstehen heisst: Sachverhalte und Zusammenhänge eindeutig erfassen. Verträge und Geschäftsbedingungen, in denen Begriffe wie Credit Default Swaps und Forward Rate Agreement unerklärt bleiben, gehören in den Papierkorb. Auch gegen dieses Bankenkauderwelsch, das zum Jargon der Begehrlichkeit geworden ist, müsste die Finanzmarktaufsicht eigentlich einschreiten. Sie wird es nicht tun; ihre Mitglieder sind Gefangene der Bankeninnensicht und ebenso wenig in der Lage, den Entrüstungssturm über Boni zu begreifen, wie die Führungsgremien der Grossbanken.
Meine Hoffnung, dass unbequeme Ideen von aussen etwas bewirken, ist offengestanden gering. Je verständlicher und einleuchtender sie sind, desto heftiger werden die Insider sie als «unqualifiziert» und «naiv» abtun. Es braucht einen noch grösseren Leidensdruck, bis der Kulturwandel, nach dem jetzt viele rufen, tatsächlich einsetzt.
Die Mitschuldigen werden sich eine Zeitlang hinter rhetorischen Abwehrmauern ducken. Wenn ihre PR-Berater ihnen raten, Zerknirschung zu zeigen, werden sie es tun und allenfalls Sündenböcke opfern, nie aber die Grundlagen eines mit falschen Anreizen gestützten Systems in Frage stellen. Die bankennahen Politiker – es sind viel zu viele – werden in die alten ideologischen Gräben zurückkehren und griffige Massnahmen verhindern, die in ihrer Sprachregelung «den Finanzplatz Schweiz gefährden».
Sobald der nächste Boom an den Börsen einsetzt, wird alles vergessen und verziehen sein; die nächste Spekulationsblase wird in zehn oder fünfzehn Jahren platzen, mit möglicherweise noch schlimmeren Folgen als heute. C’est ça. Auch darum wohl ziehen die Intellektuellen es vor, zu schweigen. Die «durchschlagende Wirkungslosigkeit» ihrer Interventionen ist ihnen allzu bewusst. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.02.2009, 20:28 Uhr
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